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AMA-Gütesiegel: Lob und Tadel am Masterplan

Der Masterplan zur Weiterentwicklung des AMA-Gütesiegels im Schweinebereich hat viele Reaktionen nach sich gezogen. Vor allem das darin vorgesehene Fortbestehen der Vollspaltenböden bis Ende 2032 regt auf.

Die Mitteilung der AMA Marketing GmbH, wonach die Richtlinie „Schweinehaltung“ im AMA-Gütesiegel novelliert und ein Masterplan zum Ausstieg aus den Vollspaltenböden beschlossen wurde, hat viele Reaktionen hervorgerufen. Der Schweinesektor, die Verbände und die offizielle Agrarpolitik begrüßten den veröffentlichten Fahrplan, andere kritisierten ihn scharf. Vor allem der Ausstieg aus der Vollspaltenhaltung der Schweine im AMA-Gütesiegel erst mit 31.12.2032 ruft Kritiker auf den Plan.

„Mit unserem Konzept zur Weiterentwicklung des AMA-Gütesiegels haben wir einen möglichen Weg vorgegeben, wie die österreichische Schweineproduktion den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten entgegenkommen kann. Gleichzeitig wurde die Wirtschaftlichkeit für unsere Familienbetriebe stets berücksichtigt“, erklärte VÖS-Obmann Walter Lederhilger nach Bekanntwerden der getroffenen Branchenübereinkunft. Die Schweinebauern hätten sohin bewiesen, dass sie bereit sind, ihren Beitrag zu einer Weiterentwicklung zu leisten, so der oberste Schweinebauernvertreter.

Ähnlich die Stellungnahme des Bauernbundes: „Mit dem Stufenplan, der 2022 starten soll, werden Zwischenstufen zeitlich konkretisiert und begleitende Maßnahmen für die Umsetzung auf den bäuerlichen Betrieben definiert. Wichtig ist, dass diese Weiterentwicklung jetzt von allen handelnden Akteuren mitgetragen wird und die Bäuerinnen und Bauern nicht auf ihren Mehrkosten sitzen bleiben. Von den Händlern bis hin zur öffentlichen Beschaffung und den Gastronomen brauchen wir jetzt die Zusage für mehr Tierwohl-Lebensmittel“, so Bauernbund-Präsident Abg.z.NR DI Georg Strasser (ÖVP).

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) sah sogar einen neuen Meilenstein für mehr Tierwohl: „Mit den neuen Stufenplänen erreichen wir eine nachhaltige Änderung der Produktion und Verbesserungen bei Tiergesundheit und Fütterung sowie mehr Platz für die Tiere. Das Ziel ist, dass wir mehr Tierwohl auf den heimischen Betrieben erreichen und gleichzeitig die Mehrkosten für die Produktion abgegolten werden“, so die Ministerin.

Für den LK Österreich-Präsidenten Josef Moosbrugger (ÖVP) zeige der AMA-Masterplan Schwein für noch mehr Tierwohl deutlich die Bereitschaft der Bäuerinnen und Bauern, in Vorleistung zu gehen. Dies signalisiere in Zukunft den Käuferinnen und Käufern an der Theke, dass das in Österreich erzeugte Schweinefleisch den hohen Anforderungen an Tierwohl, Tiergesundheit, Fütterung und gesicherte bzw. geprüfte Qualität noch mehr entspreche. „Mit ihrer bewussten Kaufentscheidung können Frau und Herr Österreicher den Masterplan erfolgreich machen“, so der oberste Bauernvertreter Österreichs.

Die Spar-Gruppe, AMA-Gütesiegel-Vertragspartner der ersten Stunde, begrüßte den nun verabschiedeten Stufenplan. Anstelle von schlagartigen Umstellungen, die Landwirten wenig Zeit für Adaptionen gegeben hätten, haben die Bauern nun Planungssicherheit bis 2030, heißt es u.a. in der Spar-Stellungnahme.

Diese Planungssicherheit und die Stärkung des Tierwohls und Klimaschutzes sprach auch der Handelsverband in seiner Aussendung an.

Für den LEH-nahen Infoverein „Land schafft Leben“ (LsL) ist der vorgelegte Plan aber zu wenig. Dieser biete nämlich zu wenig Orientierung für die Zukunft und verunsichere Österreichs Bäuerinnen und Bauern. Auch entwickle sich die Schweinebranche „viel zu schleppend“ weiter, so Vereinsobmann Hannes Royer und gibt zu bedenken: „Es bleibt völlig unklar, wie ich meinen Schweinestall heute bauen muss, damit er auch 2030 noch den Standards und den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht.“

Während der seit Jahren gegen die Vollspaltenböden kampagnisierende „Verein gegen Tierfabriken“ (VgT) den nunmehrigen Vorstoß der Schweinebranche prinzipiell als in die richtige Richtung gehend klassifizierte, ist die Kritik von SPÖ und FPÖ schon schärfer.

Laut SPÖ-Agrarsprecherin Cornelia Ecker bringe die Zerstückelung des AMA-Gütesiegels nichts außer Unübersichtlichkeit und damit noch mehr Intransparenz für die Konsumenten. Mit jährlich 50 Mio. € aus der 2,1 Mrd. € großen Agrarförderung gäbe es in fünf Jahren keine Vollspaltenböden mehr in Österreich. Ein neues AMA-Modul, wie von der Ministerin angekündigt, bringe jedoch kein Ende dieser qualvollen Haltung von Schweinen, sondern habe zur Folge, dass diese Vollspaltenböden weiterhin existieren, auch nach dem Zeitrahmen von 11 Jahren.

Für die FPÖ müsse laut deren Agrarsprecher Peter Schmiedlechner das AMA-Gütesiegel überhaupt „komplett reformiert werden“. Denn es müsste als ein Zeichen österreichischer Produktion mit den höchsten Standards gelten. Doch derzeit wäre besonders bei den verarbeiteten Produkten nicht einmal die Herkunft sicher.

Tierleid und Naturzerstörung im AMA-Gütesiegel sieht die NGO „ökoreich“ um den Koordinator des Tierschutzvolksbegehrens Dr. Sebastian Bohrn-Mena. Der vorgestellte Plan wäre „Zeugnis völligen Unwillens dieser Regierung das Tierwohl, den Naturschutz und die Weiterentwicklung der Landwirtschaft zu forcieren“. Die „Verhöhung der Bürger“ wird zudem als „Frechheit“ tituliert. Zudem werde dieser „Stillstand beim mit massenhaft Steuergeld finanzierten Mindeststandard der AMA bejubelt!“

Während es aus dem Sozialministerium bisher keine offizielle Stellungnahme zu den Plänen der AMA Marketing GmbH beim „Gütesiegel Schwein“ gibt, teilte die Grüne Agrarsprecherin DI Olga Voglauer voll aus: Für sie habe sich die Lebensmittelindustrie bei den verlautbarten Zukunftsschritten des Gütesiegels Schwein voll durchsgesetzt. Mit mehr Tierschutz habe das neue AMA-Gütesiegel nichts zu tun, von mehr Klimaschutz könne auch nicht die Rede sein, so Voglauer. Zudem kritisierte die Abgeordnete und Biobäuerin den vorgesehenen Mehrplatz im Stall im Ausmaß eines DIN A4-Blattes (AMA-Basismodul) bzw. A3-Blattes (bei der höchsten Gütesiegel-Ausbaustufe) pro Schwein.

Aus dem Gesundheitsministerium hieß es indes inofiziell gegenüber top agrar, dass in Sachen Vollspaltenböden und den Eingriffen am Tier entsprechende Novellierungstexte für die 1. Tierhaltungsverordnung und dem Bundestierschutzgesetz seit Monaten in der Koordinierungsgruppe der schwarz/türkis-grünen Bundesregierung liegen. Dem Vernehmen nach sei darin ein Verbot der Vollspaltenböden mit 2028 vorgesehen. Demnach habe die Landwirtschaft via AMA-Gütesiegel die Vollspaltenböden nun quasi vier Jahre verlängert.