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Computermodell zeigt zerstörerisches Potenzial von sozialen Netzen

Experten warnen davor, dass die Polarisierung der Gesellschaft durch Social Media einen irreversiblen Kipppunkt erreichen könnte.

Ein interdisziplinäres Team aus Soziologen und Physikern hat ein Computermodell entwickelt, um den stetigen Anstieg der politischen Polarisierung zu analysieren. Das Multi-Agenten-Modell soll insbesondere klären, welche Rolle soziale Medien dabei spielen. Die Studie, die die Forschenden jetzt in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht haben, zeichnet ein pessimistisches Bild: Laut dem Modell gibt es Kipp-Punkte, ab denen die gesellschaftliche Polarisierung irreversibel wird.

Bislang galt der Echo-Kammer-Effekt als eine gängige Erklärung für politische Polarisierung in sozialen Medien: Weil User in sozialen Netzwerken bevorzugt Inhalte konsumieren, die ihrem Weltbild entsprechen, würde sich ihre politische Meinung weiter verfestigen – so die Theorie. Dieser Ansatz ist allerdings umstritten, denn soziale Netze sind in der Regel nicht die hauptsächlichen Nachrichtenquellen vieler User. Ihr Effekt ist daher viel kleiner als zunächst vermutet. Zudem gibt es Untersuchungen, die einen paradoxen Befund zeigen: Setzt man User gezielt möglichst fremden, konträren Meinungen aus, werden ihre politischen Positionen nicht offener und flexibler, sondern sie verhärten sich noch.

Der Soziologe Petter Törnberg von der Universität Amsterdam und seine Kollegen aus Deutschland, Italien und Schweden gehen daher davon aus, dass politische Polarisierung ein Effekt ist, der mit dem zunehmenden Einfluss politischer Identitäten zu erklären ist. Nach diesem Erklärungsansatz sind politische Debatten keine rationalen Diskussionen über politische Meinungsverschiedenheiten mehr. Sie gleichen vielmehr einem Kampf zwischen verfeindeten Stämmen, bei dem es wichtiger ist, wer zur In-Group und wer zu den „Anderen“ gehört als wer welche Argumente vorbringt.

Um die Polarisierung wieder zu verkleinern, müssten die separaten Gruppen sich einigen, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. „Früher wurde diese Aufgabe durch die Massenmobilisierung erfüllt, die die fordistische Gesellschaft der Moderne kennzeichnete, zum Beispiel durch groß angelegte Kriege“, schreibt Törnberg. „Heute, in einer postmodernen, fragmentierten Gesellschaft, ist es weniger klar, wie ein solches Zusammenkommen umgesetzt werden könnte. Vor etwa zwei Jahren war eine gängige Antwort der Forscher, dass ein großes, gemeinsames Problem – wie eine globale Pandemie – eine Lösung bieten könnte. Das scheint leider nicht geholfen zu haben“. Auch wenn er grundsätzlich nicht auf eine technische Lösung des Problems setze, sei er sich jedoch sicher, „dass es durchaus möglich wäre, eine entpolarisierende Form der sozialen Medien einzuführen.“