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Drei „Tierwohl“ Perspektiven

Der rechnende Blick der Ökonomie

Im Begriff Landwirtschaft steckt der Begriff Wirtschaft. Die Betriebe werden weniger und größer und sehen sich mit der Situation konfrontiert, dass die Preise auf dem Weltmarkt traditionell starken Schwankungen ausgesetzt sind. Diese machen aufgrund ihrer relativen Unvorhersagbarkeit Investitionen im großen Stil schwierig. Dies sei kurz an einem Beispiel demonstriert: Ein neuer moderner Stall ist in fünf Jahren nicht mehr auf dem neuesten Stand. Der Landwirt muss jedoch mindestens noch 20 Jahre warten, bis der „neue“ Stall abgezahlt ist. Auch gesellschaftliche Erwartungen und politische Reaktionen darauf, etwa in Form von Tierschutzrichtlinien, ändern sich. Der Bauer und die ganze Kette der Produktion können hier oft notgedrungen nur hinterherhinken. Neue Erkenntnisse und neue Forschungsergebnisse bezüglich Tierwohl, werden laufend generiert. Auch wenn also ein sehr umfangreiches Wissen in Bezug auf das Tierwohl gegeben ist, stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit und damit letztlich die nach der Finanzierung. Nur eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung kann den Spagat zwischen ökonomisch vertretbaren “Zusatzleistungen” der Branche und dem gesellschaftlichen Wunsch nach mehr Tierwohl leisten.

Der fragende Blick der Ethik

Christian Dürnberger vom Messerli Forschungsinstitut in Wien beschäftigt sich mit ethischen Fragen der Nutztierhaltung. Ethik richtet den Blick auf gängige Moralvorstellungen und hinterfragt diese. Aus dieser Sicht heraus sei zunächst einmal festzustellen, dass das Schwein leidensfähig ist. Dies, so Dürnberger, könne uns moralisch nicht egal sein, „das heißt, wir sind dafür verantwortlich, dem Schwein Leid zu ersparen. Hierin zeigt sich der Gedanke des klassischen Tierschutzes. Seit geraumer Zeit allerdings stellen sich viele die Frage: Genügt das? Oder will ein Tier wie ein Schwein nicht mehr, als ‚nur‘ ein leidensfreies Leben? Das Konzept ‚Tierwohl‘ setzt sich genau mit diesen Aspekten auseinander, die über die Leidensfreiheit hinausgehen.“ Manche Akteure in der Schweineproduktion unterschätzen laut Dürnberger noch immer, dass es mehr und mehr Menschen gibt, denen bloßes Leidersparnis bei Nutztieren zu wenig ist – sie wünschen sich nicht nur Schutz vor Leiden für die Tiere, sondern auch Tierwohl.

Der entfremdete Blick des Konsumenten

“Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral”. Dieses berühmte  Zitat von Berthold Brecht bringt es auf den Punkt: Erst seit im reichen Westen die Frage der Ernährungssicherheit als weitestgehend geklärt angesehen werden kann, richtet sich der gesellschaftliche Fokus auf die darüber hinausgehende Frage nach dem Tierwohl. Hier nun, so der Tier-Ethiker Christian Dürnberger vom Messerli Foschungsinstitut in Wien, sehen sich Schweinehalter und Schlachthofbetreiber, sieht sich die ganze Branche, mit neuen Herausforderungen konfrontiert.